Putin will sie anscheinend. Die Russische Console.

// Klone von Nintendos Game&Watch aus der damaligen UDSSR
SRF berichtet darüber aktuell hier:
https://www.srf.ch/news/international/konsolen-und-plattformen-darum-will-putin-russische-computerspiele
Technisch ein weiter Weg
Eine Konsole aus Russland scheint technisch noch ein weiter Weg zu sein, wie das Heise (meist näher am Zeitgeschehen als viele unserer etablierten Newsfabrikanten) hier aufzeigt: https://www.heise.de/meinung/Auch-Putins-Wunsch-nach-russischen-Konsolen-ist-unrealistisch-9674337.html
Allerdings braucht es technisch nur ein „Plugin“ für Unity oder Unreal um Games für die Konsole zu ‚compillieren‘ und umgekehrt, Spiele von der Konsole auf die anderen zu bringen.
Warum die Console?
Consolen sind ein vom Hersteller beherrschtes Feld. Hersteller sagen, was auf Consolen läuft und was nicht. Und das meint auch das Release von konkreten Titeln, Inhalten und Werten! Sie machen letztlich den Markt und dessen Bedingungen. Consolen lassen sich also bemerkenswert technisch gut kontrollieren – vorallem über das Copyright und die angehängten Protections. Die Atari 2600 war die letzte grosse Konsole, die offen für alle war! Apple und Playstore Store haben sich letztlich fast alles in den regulierten Stores der Consolenindustrie abgeschaut. Solche Systeme scheinen geradezu für die Kontrolle durch eine Firma oder ein diktatorisches System gemacht zu sein.
Warum Spiele/Games?
Spiele schützt bekanntlich der sozialisierte Magic Circle vor dem Ausbruch ins ‚Reale‘ oder den Einbruch des Realen ins Spiel. Dennoch spielten Spiele immer schon eine Rolle in Sachen Ausbildung, Sozialisierung (Ritterspiele, Planspiele) von Menschen und gerade aktuell wird ja in den Serious and Applied Games viel getan den Magic Circle zu druchbrechen – fürs Leben zu lernen. Die Amerikanische Armee nutzt nicht zufällig das Spiel Americas Army seit 2002 als Promotion-, Trainings- und Rekrutierungsinstrument in einem. Oder mit dem Diktum von Huizinga paraphrasiert – Wir leben immer in Magic Circle und spielen Rollen.
Aber selbstverständlich ist jedes Spiel – anders ginge keine Bewertung – ein Wertesystem, das Werte transportiert und sie mit jeder Entscheidung* des Players bewertet(!) und ihn für die ‚richtigen‘ Entscheidungen belohnt. Die am meisten genutzte Spielmechanik/Motivationsmechanik ist, dass sich Leistung lohnt. Spieler* kämpfen und ihre Anstrengung lohnt sich – auch in der Konkurrenz zu anderen. Hier wird also Leistung noch konkret belohnt, es bestehen Aufstiegschancen. Es ist also in einem gewissen Sinn bürgerlichstes bzw. urkapitalistische Tellerwäscher-Millionär-Ideologie – einfach für alle die, die das analoge Andere nicht schaffen. Die Spiele lösen also ein, was die Realität noch nie hergab, aber immer weniger hergibt (soziale Durchlässigkeit). Dabei sind Spiele „nett“, sie bieten Lösungen an für Probleme, die sie selbst schaffen. Closed Circuit.
Hier scheint es auch sehr interessant wie nun eine Diktatur damit umgeht. Wird sie eher in die Richtung von Eskapismus gehen (wie es der westliche Ansatz aktuell ist – Spass mit untergründigem Wertesystem), also die Spielmotivationen dazu nutzen, dass die Leute die Realität „wegspielen“ oder wird ein Mix mit klaren Messages zum Tragen kommen. Wird das „Game“ als Werbung- und Indoktrinationsmaschine genutzt? Wird nur das Setting verändert oder werden geradezu die Spielmechaniken verändert und angepasst? Viele Fragen sind dabei noch offen.
Gut möglich auch, dass es Putin um einen langfristigen Prozess geht, dass also Spiele eingespiesen werden sollen, die Alternative Realitäten/Deutungen ermöglichen auch im Spielesektor. Es ist aber auch gut möglich, dass dieser Prozess keine Entweder-oder-Strategie ist, sondern dass das auch schon in aktuellen Spielen so passiert. Warum sollte eine russische Desinformationskampagne nicht auch einen der grössten Sektoren der Unterhaltungsindustrie beinhalten. Nur weil die Spiele auch noch Spass machen müssen?
Mainstream in Games – alles nur Spiel?
Der Mainstream der Games muss aber vielleicht auch gar nicht so geändert werden, um die Ideen von Diktatoren zu unterstützen. Denn leider nutzen sehr viele Spiele als Grundmotiv etwa den gescheiterten Staat (vgl. dazu auch die Forschungsarbeiten von Eugen Pfister in Horror-Games-Politics) und in vielen Fantasy Abenteuern geht es auch nicht darum am Ende eine Demokratie zu rekonstruieren oder zu errichten, sondern um wieder einen nicht gewählten König auf den Thron zu hieven und seinem „Erbe“ und seiner Blutlinie gerecht zu werden. Es ist also hier interessant zu sehen, welche Muster sich hier herausbilden. Welche Muster genutzt werden oder schon in Gebrauch sind.
In der UDSSR war dieses Auseinanderdriften vor allem am Western sichtbar: Die ‚Ost-Western‘ wie „Die Söhne der grossen Bärin“ zeigten die „Indianer“ als Kollektiv, das gegen die einfallenden Horden von Siedlern kämpfte.
Wird es nun auch solche Divergenzen geben und alternative Erzählungen (wobei im Fall der Western für einmal, die Ost-Erzählung näher an der Wahrheit war) oder auch ganz andere narrative Mechaniken? Während der Westen weiterhin darauf setzt, dass das transzendentale Signifikat „Spass“ in der Gameindustrie beim Spass bleibt, will Putin dies offensichtlich nicht dem Zufall überlassen. Der weltgrösste Hersteller von interaktivem Spass heisst bekanntlich Tencent und kommt aus China. Diese haben sich bis jetzt noch nicht radikal eingemischt ins „Fieldwork“. Aber wer weiss, vielleicht bemerken es die Leute einfach noch nicht.
Politik und Spiel: „Alles nur ein Spiel?“
In der Schweiz war (soweit bekannt) die erste Partei, die Spiele politisch radikal einsetzte die SVP mit ihrem Zottelspiel. Weit radikaler allerdings war das Spiel mit dem Hund und den Knochen. Hier verteidigte ein Hund seine Knochen, während Ratten angriffen und die Knochen wollten. Dabei war klar: Die „Ratten“ repräsentierten den Staat und das war soweit rekonstruierbar auch noch so benannt.
Ist alles doch nur ein Spiel? Ist das im Sinne von „Die Gedanken sind frei“? Das Spiel das Medium des Ausprobierens. Alles bleibt im Magic Circle?
Kann man so benennen. Allerdings zeigen gerade diese Spiele auch auf, in welche Richtung radikal politische Spiele gehen können und sicherlich auch werden. Dies zeigte sich auch während der Corona-Pandemie in der einige dieser radikalen Spiele auftauchte (vorallem als Webspiele). Sind diese Spiele eher als Demonstrationsspiele zu werten?
Spätestens aber nach den Äusserungen von Steve Bannon, dass er viel von Games gelernt habe (man denke etwa auch an die QAnon-Spielmechanik), ist klar: Games sind wichtig auch mit ihren Motivationsmechaniken und darum geht es letztlich.
Es scheint als hätte hier, der rechte Rand des politischen Spektrums längst begriffen, was die Möglichkeiten sind, während die gesellschaftsliberalen Teile immer noch versuchen, Spiele als etwas für „Jüngere“ ‚abzukanzeln‘. Doch das Durchschnittsalter ist 35 bei Spielern* und Games auf Mobile Phones inzwischen zum Alltag im öffentlichen Verkehr gehören.
Unterhaltungsindustrie
Ökonomisch handelt sich bei der Spielindustrie um einen der wichtigsten Unterhaltungszweige. Es ist zudem ein Industriezweig, dessen Technologien immer breiter genutzt werden in verwandten Bereichen und das ist inzwischen auch der Film, AR oder VR. Anders gesagt: Die Gameindustrie ist in die Mitte der Gesellschaft gerutscht.
Und spätestens wenn Diktaturen anfangen sich für etwas zu interessieren, sollte es den politischen Akteuren wie Schuppen von den Augen fallen, dass es dabei um mehr gehen muss, als was man* so denkt.