Das Doktor-zu-Guttenberg-Spiel oder Spiele in Politik und mit Medien wie DieZeit

Der Medientheoretiker P.M.Ong nannte einmal in der Spielekultur.de (Mailling-Liste) Games die grössten und aktualisiertesten (Kybernetik-)Philosophien unserer Zeit. Und vielleicht sind aktuelle Phänomene auch nur noch als Spiele fassbar. Aktuellstes Bei=spiel ist das Spiel mit und um den Herrn „zu Guttenberg“.
Die folgenden Fakten und Bilder des Spiels stammen mehrheitlich von der Wikipedia Webseite:
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Theodor_zu_Guttenberg
Der Avatar
Im Mittelpunkt der folgenden Spiel-Analyse steht der Realspieler (Frei-)Herr „zu Guttenberg“ – aufgewachsen in einer adligen und wohlhabenden Familie mit viel Land- und Besitztümern. Es handelt sich also nicht um ein Bildungs- oder Aufsteigerspiel wie etwa SuperMario (wo man als Klempner die Prinzess bekommen möchte), sondern um die Suche und Erforschung neuer Territorien jenseits der eigenen Gutsbetriebe und des geschätzten Vermögens von (0.25 Mia).
Das „Wissenschaftsspiel“ 1.0
Den ersten MagicCircle (oder anders gesagt das erste Spiel) den die (Kunst-)figur Herr „zu Guttenberg“ betrat (nachdem er aufgewachsen war in seiner Welt als Schwerreicher und in der Familieneigenen Vermögensverwaltung Vorsitz hatte), war der Kreislauf der Wissenschaften. Luhmann meinte dazu, dass sich dieses Spiel (oder in seinem Fall Teilsystem) um die Differenz Wahr/Falsch dreht.Alles ist entweder wahr oder unwahr. Das Spiel Wissenschaft generiert am Ende wahres Wissen.
Das Teilsystem Wissenschaft übernimmt in verschiedenen Schritten auch die Ausbildung der Kommunikatoren für das Teilsystem.  In Bachelor- und der darauf aufbauenden Stufe lernt die Person Teil einer wissenschaftlichen Community zu sein: Er wird zum Student und Subjekt im autopoietischen System. Dabei geht es in diesem Spiel, um die Falsifizierung von Thesen (und darin eingeschlossen Modellen). Diese Thesen müssen stringent und intersubjektiv überprüfbar sein. Am einfachsten ist dies, indem man an bestehendes Wissen angeküpft und dieses logisch verknüpft weiterführt. „zu Guttenberg“ wird wie in jedem Rollenspiel mit Fleiss- und Leistung zum Master (oder einem für die juritische Fakultät ähnlichem Degree). Dabei befähigt ihn der Master zur Kompetenz wissenschaftlich zu arbeiten.  Unser Avatar „zu Guttenberg“ nimmt diese Stufe im Teilbereich der juristischen Fakultät der Universität Beyreuth.

Ein darauf aufbauendes Doktorat ermöglicht anschliessend neues Wissen zu generieren und in den Kreislauf der Wissenschaft einzuspeisen. Dabei wird ein Doktor vergeben für die Leistung, neues Wissen in die Wissenschaft plausibilisiert eingebracht zu haben.  Wie in jedem Spiel gelten in dieser Welt auch eigene Regeln und wie überall geht es auch hier um Macht und Einfluss. Guttenberg nimmt auch diese Hürde und erhält von der zuständigen Universität einen Doktor-Titel 2007 „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“. Vieles, was im Bereich dieses Spiels vorgeht, ist für Aussenstehende nicht ganz klar verständlich – dafür gibt es ja auch den MagicCircle.
Das Politik-Spiel 1.0
Guttenberg verlässt diesen MagicCircle und münzt seinen Dr. aus der Wissenschaft im Bereich der Politik in Ansehen um (Symbolisches Kapital bei Bourdieu). Hier geht es um das Spiel der Entscheide und Führung. Politik ist in diesem Sinn ein Regelkreislauf zur Entscheidungsfindung einer Gesellschaft. Herr „Dr. zu Guttenberg“ setzt sich hier als der Andere ins Szene. Er soll der Bessere, Aufrechte und Aufräumer sein.
Dies auf allen Ebenen eine Spiels:
Visuell: er gelt seine Haare zurück und trägt eine Brille
Auditiv: er gibt sich auch hier als Revoluzzer
Gut sichtbar in Sprache der folgenden „Diskussion“ (die seltsam von Herrn Merz moderiert wird):

http://www.youtube.com/watch?feature=endscreen&v=jclWPFi3jpA&NR=1
Damit setzt er sich als Gegenteil des klassischen Politikers ab: Er will kein angestaubter Politker im Politikbetrieb sein. Dadurch wird er zur „kleinen“ Revolution. Er inszeniert dabei Politik anders, bürgernah.  Er stellt sich im Kreislauf des Schwerfälligen als kleines eigenes Systems hin, das vor sich hinläuft und alles andere verändert.
Er ist ein moderner Revoluzer.  Dabei wird er zum Senkrechtstarter: Denn er ist anders. Er macht Karriere. Wird zuerst Bundesminister für Wirtschaft und Technologie (2009) und alsbald Bundesminister für Verteidigung (2009-2011) – wo er dann auch aufräumt mit der Armee.


Eine Cutscene wäre etwa folgende Kurzvisite mit medialer Aufbereitung (Interview) in Afghanistan:

http://www.youtube.com/watch?v=22W1bh42EEs
Das Wissenschaftspiel 2.0: Die Plagiatsaffäre
Innert kürzester Zeit kommt zum Vorschein, dass ein Grossteil seiner Dissertation abgeschrieben ist. Das gestartete Projekt GuttenPlag bringt weitere Details zum Vorschein.
Der Avatar „Zu Guttenberg“ tritt mehrmals vor die Presse, um zu erklären, dass er nicht abgeschrieben habe. In zunehmenden Masse wird die Beweislage erdrückend, es finden sich auf 371 von 393 Seiten Plagiate.  Dabei werden ganze Textzeilen kopiert und nicht gekennzeichnet.
Die gefundenen gestohlenen Zeilen sind inzwischen auf 10421 angewachsen. Das heisst 63.8 % des Textes der Doktorarbeit ist kopiert.

http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki
Dadurch wird er im Wissenschaftssystem untragbar.  Und der Doktortitel aberkannt. Dabei ist klar: Im Spiel Wissenschaft hat „zu Guttenberg“ nichts hinzugefügt und der Doktortitel muss aberkannt werden. Die Uni Beyreuth tut dies.
Der „Zu Guttenberg“ Avatar muss aus dem MagicCircle des Spiels „Wissenschafts“ wegen Missachtung der Spielregeln ausgeschlossen werden.

Nun beginnt die Frage: Kann dieser „Beschiss“ im Spiel bleiben oder ist der Spielverderber, der das Spiel nicht ernst nimmt, nicht auch ein Problem für weitere Kreise und andere Spiele in denen er steckt etwa in der Politik?
Das Poltikspiel 2.0: Die politische Affäre

Die Fallhöhe des Avatars ist dabei dramatisch hoch. Ist doch gerade dieser Avatar angetreten alles anders zu machen, der bessere Politiker zu sein. Und nun steht er da und infisziert das politische Spiel.


Er ist nun der alte Mief. Nun beginnt der Avatar das Thema in den MagicCircle der Wissenschaft zu isolieren. Er hätte das nicht mit Absicht gemacht, sondern es sei Überforderung gewesen.
Rede vor dem Bundestag:
http://www.youtube.com/watch?v=D1Tu4WR-wj0
Jürgen Tritin antwortet in diesem MagicCircle und verküpft die Sache des Plagiats mit der Spiel der Politik:
http://www.youtube.com/watch?v=EIKiZPgTC_c&feature=related
Die Bundeskanzlerin Dr. Merkel drängt hingegen zur Seperation und meint paraphrasiert: „Sie hätte einen Minister und keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt.“, was eine Argumentation entlang der Trennlinie der zwei MagicCircles entlang ist.
Dabei wird schnell klar, dass das Wissenschaftsspiel diese Infragestellung ihrer Authorität und ihres Spiels nicht hinnehmen kann:
Guttenberg-Kritik erreicht Merkel

http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg760.html
Am Ende beugt sich „Zu Guttenberg“ dem Druck und tritt zurück.http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg762.html
Gabriel zum Betrug von Guttenberg im Bundestag am 24.02.2011

http://www.youtube.com/watch?v=pYwxBkwz8KA
Danach entzieht sich „Zu Guttenberg“ dem Spiel und reist in die USA aus.Die Frage, die sich nun stellt, wie wird das Ganze im nächsten umfassenderen Spiel – der Gesellschaft gesehen und weitergespielt?
Das Gesellschaftsspiel 1.0: Spielrahmen Gesellschaft
Ein Teil der deutschen Bevölkerung folgt ebenfalls diesem Versuches der Trennung und hält das  Ganze für ein abgekartetes Spiel, um den geliebten (und volksnahen?) Politiker loszuwerden. Dabei gibt es zwei grosse Strategielinien, die von der Politik schon vorgegeben wurden:
1. Wir alle haben das schon mal gemacht in der Schule(geschummelt in Prüfungen)
2. Alle sind neidig auf ihn und seine Resultate
Als Beispiel soll hier folgendes Interview dienen, das die verschiedenen ineinandergreifenden Systeme zeigt:

http://www.youtube.com/watch?NR=1&feature=fvwp&v=3g9gWD5csOQ
Das Medienspiel 1.0: Die Rückkehr – der Fall DieZEIT und sein Chefredaktor DiLorenzo
Unser Held ist nun also aus dem deutschen Gesellschaftsspiel abgetaucht und hat den MagicCircle sogar der Gesellschaft verlassen.
Und dann erscheint „Zu Guttenberg“ auf einer Sicherheitskonferenz in den USA und gibt sich staatsmänisch.

http://www.youtube.com/watch?v=OSkyBxyu4_U
Das Redesign des Helden ist dabei vorallem visueller Natur:  keine gegelten Haare mehr und auch keine Brille (Er müsse keine Brille mehr tragen).
Es scheint, als wolle der gefallene Held zurück ins Spiel und zwar ins Politikspiel. Und so erscheint auf der Frontseite das Interview zwischen dem Chefredaktor DiLorenzo und „Zu Guttenberg“.

http://www.zeit.de/2011/48/DOS-Guttenberg
Das Interview ist zahnlos und lässt klar werden: Zu Guttenberg sieht nicht ein, dass er einen Betrug begangen hat. Di Lorenzo fragt nicht kritisch nach, sondern bietet nur Plattform für den Rückkehrer. Die Frage ist nun – warum nur? Wie kommt man mit der intellektuellen, liberalen und moralisch unabhängigen DieZEIT ins Geschäft?
Das Medienspiel 2.0: Gemeinsames Buch – vermischte Interessen
Der DieZEIT wird vorgeworfen „Zu Guttenberg“ bei seinem Comeback zu helfen. Diese weist das von sich.
Um aber ganz scheinheilig dann doch erklären zu müssen, dass man gemeinsam ein Buch plant, bei dem der Chefredaktor höchst persönlich mitverdient. Dabei unteschätzt DieZEIT ihr eigenes Publikum, das sich aus vielen Hochschulabgängern (Akademiker) speist.
Man sehe sich etwa die Anzahl und die Art der erbosten Kommentare an:

http://www.zeit.de/2011/48/DOS-Guttenberg
Hier fühlen sich viele Leser um ihr Spiel betrogen, um ihre unabhängige Berichterstatttung.
Die Erklärung kommt bald ans „Licht“: Mehreren Medienhäuser wurde ein Interview und Buchprojekt (vom „Zu-Guttenberg“-Verleger) vorgeschlagen: Ein Interviewbuch und einen Auszug vorher veröffentlichen in der Zeitung.
Mehrere deutsche Zeitungen wie die FAZ wollen sich auf diesen Deal nicht einlassen. Einzig die DieZEIT – das intellektuellen moralische Blatt mit sehr vielen Lesern mit Hochschulabschluss– lässt sich auf den Deal ein und publiziert dieses unmoralische Angebot.

Gänzlich desavoierend werden anschliessend die Leser des Traditionsblattes, als sie im Spiegel lesen dürfen, dass sie scheinheilig seien:
DiLorenzo: Es liegt im Übrigen eine gewisse Scheinheiligkeit darin, zu sagen, ich hätte diesem Mann keine Plattform bieten dürfen, den Inhalt aber so interessant zu finden, dass die ganze Republik darüber spricht und schreibt.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-82612728.html
Das Medienspiel 3.0: Integrität des (Qualitäts-)Mediums DieZEIT

Der Chefredaktor, der DieZEIT versteht, das gespielt Spiel immer noch nicht und antwortet in DieZEIT wiederum mit bestechender Logik (die leider nur für die Zeit nicht funktioniert und ihre Unabhängigkeit untergräbt – wo fängt das Konzept „käuflich“ an?):
Unter zwei Bedingungen habe ich Herders Vorschlag, das Interview zu führen, zugestimmt: dass es bei den politischen Themen keine inhaltliche Beschränkung geben dürfe und dass ein Vorabdruck in der ZEIT stattfindet – dem wichtigsten Motiv, mich auf das Projekt einzulassen.
http://www.zeit.de/2011/49/Leserkritiken-Guttenberg
Das Gesellschaftsspiel 2.0: Das „Zu Guttenberg“-Regelwerk
Spannenderweise scheint er nicht – im Gegensatz zu den Leserkommentaren – zu bemerken, dass er dasselbe tut, wie „Zu Guttenberg“: Er versteht nicht, dass er auch versucht sich rauszureden und das Ganze hinzuziehen. DieZEIT hat nun mitgeholfen „Zu Guttenberg“ zu rehabilitieren und eine sehr komplexe Situation geschaffen.

DieZEIT wird dadurch in ihrem ur-eigensten Spiel fragwürdig, der eigenen Medien-Moral. Wie kann man noch einer Zeitung trauen, die nicht mal zugibt, wenn sie etwas Falsches getan hat? Verhält sie sich nicht genauso wie „Zu Guttenberg“? Leugnet eine Zeitung nicht hier auch, was sie tatsächlich gemacht hat? Hat sie nicht geholfen Guttenberg zurückzubringen, indem sie fachlich nicht nachhackte? Zu wenig Distanz pflegte?
Das Medienspiel 4.0: Der Verleger liefert Munition
Noch spannender wird es, als klar wird, dass „Zu Guttenberg“ nun endgültig auf der Bühne zurück ist und DieZEIT ihn zurück ins Spiel gebracht hat (Steigbügelhalter nennen das einige Leser). In diesem Moment erscheint ein weiterer Artikel in DieZEIT, der versucht zu rechtfertigen und der die Leser, den Interveiw-Artikel ins Lächerliche zieht. Dabei legt sich sogar einer Herausgeber Josef Joffe ins Zeug und stellt sich vor den Chefredaktor DiLorenzo. Dabei wird wiederum klar: Die Zeitung hat nicht begriffen, dass sie ihre Streetcredebility verspielt hat. Es gab keine Distanz zwischen dem Spiel und den Spielern. Es ging, das wird bei den meisten Argumentation der DieZEIT klar nur um die Quote, etwas was man gemeinhin den „Unterschichtsfernsehen“ vorwirft.
Josef Joffe: Lassen wir das Plagiat. Es ist bekanntlich nie die Sünde – siehe Richard Nixon und Watergate –, die zum Verhängnis wird, sondern das Leugnen.
http://www.zeit.de/2011/50/P-Zeitgeist
Man kann in diesem Sinn der DieZEIT nur alles Gute wünschen. Sie sollten sich ihre eigenen Worte wahrlich zu Herzen nehmen und endlich eingestehen, was für ein Spiel „Zu Guttenberg“ mit ihnen gespielt hat.
Das „Zu Guttenberg“-Spiel: x.0
Nicht die DieZEIT hat „Zu Guttenberg“ in die Mangel genommen, sondern Guttenberg hat das Blatt eingespannt in seinen MagicCircle. Er hat die Bedingungen diktiert und sie zu seinen Handlangern gemacht. Er hat es geschafft, dass sogar der Chefredaktor mit ihm an einem Buch verdient! Denn das ist die gefährliche „Gabe“ dieses Herrn, dass er sich seinen MagicCircle, seine Regeln selbst schafft, daran glaubt und andere überzeugen kann. Er ist sein eigenes Spiel, sein eigener Spieldesigner.
Das Poltikspiel Europäische Union 1.0
Die letzte Meldungen aus Brüssel machen klar, der Avatar „Zu Guttenberg“ ist nun über das Spiel EU-Berater wieder zurück im Gesellschaft- und Poltikspiel Deutschland. Er steigt fürs erste mal mit einem Berater-Mandat bei der EU ein:
„Ich will keine Heiligen“

http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/guttenberg-wird-eu-berater-ich-will-keine-heiligen-11559542.html
Das Videogame 1.0
Sollte der Stoff eines Tages doch noch vom RealSozialGame zu einem „richtigen“ elektronischen Spiel werden, werden sicherlich auch mehr transatlantische Verschwörungen wie die Transatlantische Brücke (siehe Diskussion mit Schmidt, Merz und „Zu Guttenberg“) eingeflochten werden. Bis dahin geht das Spiel mit MagicCirclen weiter. Denn die Frage dahinter bleibt: „Wie benutzt man soziale Engines wie Gesellschaft zum Bau von ‚Zu Guttenberg‘-Spielen?“

Dieser Beitrag wurde unter Kultur, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Das Doktor-zu-Guttenberg-Spiel oder Spiele in Politik und mit Medien wie DieZeit

Schreibe einen Kommentar